Interaktive Webreportagen und das Storytelling der Zukunft – drei Thesen

von Dr. Mona Clerico

Interaktive Webreportagen wie das vieldiskutierte Prison Valley von Arte TV verändern zunehmend die Art und Weise, wie wir mit Geschichten umgehen. Wenn klassisches Storytelling durch interaktive Elemente erweitert wird, scheint sich das große Versprechen des Mitmach-Webs zu erfüllen, dass der Nutzer selbst zum Regisseur der rezipierten Inhalte wird. Zugleich verändern sich narrative Strukturen und Konzepte von Autorschaft und Originalität.

Drei Thesen zur Zukunft der Narration im Zeitalter der Interaktion.

Multilineare Dramaturgien spiegeln unser Wirklichkeitsempfinden wider. Der Umgang mit Erzählkonventionen wie Zeitbezügen wird flexibler. Wenn der Leser die Wahl zwischen mehreren gleichzeitig stattfindenden parallelen Erzählsträngen hat, verliert die klassische Erzählstruktur aus Konflikt und Lösung an Bedeutung. Evidenzketten auf der Basis von Ursache und Wirkung weichen komplexeren, fragmentierten Darstellungen von Wirklichkeit. Die Multilinearität erscheint dabei als „natürliche“ Erzählweise, um ein Leben mit immer mehr Entscheidungsmöglichkeiten in einer als zunehmend fragil empfundenen Wirklichkeit darzustellen. Das Grundgefühl, dass das Leben auch ganz anders verlaufen könnte, hat in der interaktiven Reportage seinen medialen Ausdruck gefunden.

Genre-Grenzen verschwimmen. Die interaktive Webreportage erinnert nicht nur in ihrer Ästhetik an das Computerspiel. Zum Wesen des Computerspiels gehörte seit seinen Anfängen die Interaktivität: Als sein eigener Hauptprotagonist trifft der Spieler Entscheidungen, die ihn in das jeweils nächste Szenario oder Level führen. Dieses Element, das auch die Werbeindustrie schon länger einsetzt, wird vom Journalismus zunehmend übernommen. Umgekehrt nähert sich auch das Computerspiel der klassischen Reportage an. Während die frühen Spiele wie etwa Pong aus dem Jahr 1972 simple Geschicklichkeitsübungen darstellten, wollen heutige Entwickler eine Geschichte erzählen, die bei ihren Rezipienten Emotionen und Reaktionen hervorruft. Doch nicht nur Computerspiel und Journalismus verschmelzen. Die Einbindung von Texten unterschiedlicher Gattungen – etwa Fragmenten aus wissenschaftlichen Studien – in die Webreportage löst die starre Trennung zwischen den Gattungen auf und legt nahe, dass so verschiedene Literaturtypen wie Comics, Romane, akademische Texte und Zeitungsartikel sich gegenseitig inspirieren und zu neuen Formen verschmelzen können. Die Überwindung problematischer Hierarchien zwischen den Textgattungen ist die logische Konsequenz daraus.

Individuelle Autorschaft verliert an Bedeutung. Wenn Hierarchien zwischen Text- und Mediengenres keine Rolle mehr spielen, rückt der Autor aus dem Rampenlicht. Neue Inhalte-Lieferanten kommen hinzu, die Berufsbilder von Reportern und Schriftstellern verändern sich. Die klassische „Edelfeder“ hat ausgedient, denn sprachliche Brillanz reicht als Maßstab für Qualitätsjournalismus längst nicht mehr aus. Die Storyline für eine Webreportage wird heute im Zusammenspiel von Autor, Designer, Programmierer und Produktionsfirma entwickelt. Statt „Content is King“ heißt es nun: „Curation is King“ (Steve Rosenbaum). Das Prinzip des US-Dienstes Storify, bei dem sich der User Stories aus externem Content von unterschiedlichen Plattformen wie Twitter, Facebook und YouTube zusammenstellt, lässt die Bedeutung von Originalität schwinden: Man darf sich ruhig aus fremden Quellen bedienen. Daraus folgt auch, dass das Urheberrecht neu überdacht und an die Realität angepasst werden muss.

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  • Gvisintin

    Alle die schreiben können, besser gesagt “gut texten” können, haben jetzt ihr Medium gefunden: das Internet. Jetzt werden sie zusätzlich noch zu Regisseuren, Komponisten – im doppelten Wortsinn – Comic-Erzeugern und vieles mehr… Auf jeden Fall, das ist Fakt, erwächst daraus für die traditionellen Texter, für Journalistinnen und Journalisten, Autorinnen und Autoren eine Konkurrenz (siehe:old scool-Printerzeugnisse werden durch das Internet zurückgedrängt.) O.k., Konkurrenz belebt das Geschäft und ist nicht unbedingt schlecht, wenn sie fair bleibt. Dass einfach Texte und Bilder zusammengeklaut werden können – das sage ich mal so hart – finde ich als Autorin allerdings nicht so toll. Was mich tröstet: Recyceln ist gut für die Umwelt und ich hoffe, dass es immer mehr geschieht! Aber intelligente Köpfe brauchen immer wieder etwas Neues – neue Geschichten, kreative Ideen etc. Und die entstehen vielleicht auch auf Basis vieler Eindrücke, aber ich denke vor allen Dingen aus dem realen Leben und den realen Erfahrungen. Die originäten Storys von guten Romanautor(in)en oder Redakteur(in)en sind nicht ersetzbar!

  • http://twitter.com/sspoede Sven Spöde

    Für mich sind kreative Ideen immer ein Produkt von anderen Werken die der kreative Kopf zu etwas neuem synthetisiert hat. Etwas wirkklich neues, eine neue Idee aus dem Nichts, ohne Input gibt es nicht. Das Internet bietet nun die Möglichkeit schnell an verschiedenste Inhalte zu kommen und daraus Material für kreative Ideen zu ziehen. Die vielfältige Beschaffenheit des Materials führt zu den anderen genannten Trends wie Gamification, Multi-Linearität, etc, da es ständig neue Interaktionsformen ermöglicht. Das Internet ist so keine Konkurrenz für den klassischen Autor, sondern ermöglicht einer breiten Masse an Menschen selbst zu Autoren zu werden und schafft so laufend neues Ausgangsmaterial für neue kreative Ideen. Klar geht dabei die “individuelle Autorenschaft” verloren, aber das ist nur ein kleines Opfer bei der Demokratisierung des kreativen Denkens :-)

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