von Björn Eichstädt
Seit Apple das iPad vorgestellt hat, gibt es einige Diskussionen in der Öffentlichkeit, die sich ähnlich anhören wie die bereits früher gestarteten Debatten zu “App vs. Browser” und “Paid vs. Free Content”. PR-Kollege Mirko Lange hat zuletzt in seinem Agentur-Blog das Thema unter dem Schlagwort “Freiheit vs. Kontrolle” durchdacht. Ich bitte die Leser hier, sich diesen Beitrag zunächst durchzulesen, damit ich hier nicht alle Inhalte wiederholen muss.
Worum es mir in diesem Beitrag vor allem geht ist: Sind die “Social Media” tatsächlich “Freiheit”, ist die Suche über Google eine Analogie für Freiheit? Und ist das System Apple wirklich eines der “Kontrolle”. Oder ist es nicht so wie so oft in der Medienwelt: Eignen sich vermeintlich dualistische Gegensatzpaare wie “Kontrolle GEGEN Freiheit” nicht vor allem dazu, um eine knackige These und Headline zu formulieren, die mit der Realtwelt wenig zu tun hat? Müssen wir also sowohl das System Apple als auch das System Google als auch das System Internet oder das System Welt viel ganzheitlicher betrachten?
Erstmal die These “Apple als Sinnbild des Systems Kontrolle” und die These “Google als Sinnbild des Systems Freiheit”. Das Ganze macht sich oft fest an der Frage “Apps vs. Browser”. Also erstmal zu dieser Frage:
Browser: Seit 2003 verfügt Apple über den Browser Safari. Dieser Broswer ist auf allen Macs, dem iPhone, dem iPod und auch dem iPad vorintegriert. Bei iPhones, iPod-Touchs und iPads wird derzeit kein Flash unterstützt. Google verfügt über den Browser Chrome, der 2008 veröffentlicht wurde. Chrome kann Flash. Ansonsten sehe ich hier keinerlei Vorteile von Google und auch keine stärkere Unterstützung des Browsers durch Google. Oder übersehe ich hier was?Firefox läuft auch auf meinem Mac 1A. Wie es mit der Installierung anderer Browser als Chrome auf den Google-Hardware-Produkten der Zukunft aussehen wird, weiß ich noch nicht. Firefox für Android ist angekündigt. Meines Wissens nach aber noch nicht da. Dass Apple hier allerdings den freien Webzugang verhindert bzw. Apps bevorzugt, kann ich beim besten Willen nicht erkennen.
Apps: Sowohl Google als auch Apple unterstützen Apps. Apple sicherlich derzeit noch erfolgreicher. Der App Store ist aber auch schon länger im Markt als der Android Market. Auch Google unterstützt aber ganz offensichtlich das Prinzip Apps. Unterschied ist, dass Apple noch ein Prinzip der Qualitätskontrolle und von Regeln eingezogen hat und einige Anwendungen es nicht in den App Store schaffen. Das ist Kontrolle. Ob diese Kontrolle allerdings die Freiheit einschränkt oder ob sie diese fördert, das ist eine ganz andere Frage. Die klaren Regeln des App Stores haben Entwickler jedenfalls nicht daran gehindert, dass sie unglaubliche Apps geschaffen haben. Vielleicht kann man innerhalb klarer Grenzen sogar kreativer sein? Ich hab dieses Gefühl jedenfalls schon oft im Umfeld von Bandprojekten etc. gehabt.
Sowohl Apple als auch Google unterstützten also Browser und Apps. Nicht nur das: Sie haben beide ein App-System und einen eigenen Browser. Und fokussieren dies auch im Markt.
iTunes und Co versus Google Suche: Ein anderer Aspekt, den man sich anschauen könnte: Schränkt ein geschlossenes System wie iTunes die Suche ein? Respektive: Ist die Google Suche die absolute Freiheit? In Chris Andersons “The Long Tail” werden sowohl der iTunes Store als auch die Google-Suche als Long-Tail-Maschinen beschrieben. Eigentlich folgen beide dem gleichen Prinzip: Im Prinzip ist über eine ganz einfache Oberfläche alles dahinter zu finden. Auch die Google-Suche hilft ja nicht, “das ganze Web” zu sehen. Hier können durch SEO-Maßnahmen bestimmte “Experten” ihre Seiten prominenter positionieren. Wer ahnt, was die Google-Suchmaschine präferiert, kann entsprechend agieren. Wer mehr Zeit und Aufwand in die Seitenpflege stecken kann und diese im Netz bewirbt und verlinkt, hat deutliche Vorteile. Hier ist Freiheit vor allem die Freiheit der Professionellen und der Vernetzten. Die Google Suche ist ja gerade deshalb erfolgreich geworden, weil sie den Einstieg ins Netz “erleichtert”. Also: Komplexität reduziert. Ähnlich wie das der iTunes Store macht. Oder der Einstieg über eine App. Ich wage sogar zu behaupten: Die Google Suche macht eigentlich nichts anderes als eine Web-App. Sie baut ein einfaches Interface vor die Komplexität des Netzes. Und genau deshalb ist sie so erfolgreich.
Dass Apple sich immer mehr sein eigenes System bastelt: Geräte, Apps, Stores, iTunes, iBooks etc. ähnelt im Prinzip dem Vorgehen von Google: nach der Suche die Mails, dann die Docs, Maps, Google Earth, Street View, Wave…. es ist die natürliche Entwicklung eines Unternehmens, das erfolgreich ist. Es breitet sich aus. Es bringt mehr Dinge unter seine “Kontrolle” und reduziert damit die Auswahl / Komplexität für diejenigen, die sich nicht bewusst für Vielfalt entscheiden.
Ich behaupte also: Sowohl Google als auch Apple sind sehr gut und extrem intelligent geführte Firmen. Also setzen beide auf alles, das Erfolg verspricht. Auf den Browser, auf die App, auf die Freiheit, auf die Einschränkung, auf die Kontrolle, auf eigene Geräte, auf die Ganzheitlichkeit. Das Problem, dass irgendwann mal alles von einem Anbieter dominiert wird, sehe ich sowohl bei Google als auch bei Apple. Darüber sollte man in der Tat nachdenken. Aber keines der beiden Unternehmen steht analog für Freiheit oder für Kontrolle. Beide machen ähnliches und sind gerade deshalb Konkurrenten. Vielleicht stellen sie ihre Aktivitäten anders dar. Aber das sollten gerade Kommunikatoren erkennen. Aus meiner Sicht gibt es unter den großen innovativen Anbietern im Web: Apple, Google, Microsoft, Facebook keinen, der für ein anderes Prinzip steht als: den Versuch eine maximal große Wertschöpfungskette unter seinem Dach zu vereinen.
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Trackback von uberVU - social comments — 6. Februar 2010 um 12:59
Hallo Björn,
lustig. Du empfiehlst den Lesern, den Blogbeitrag zu lesen, hast es aber selber nicht getan?
Der Blogbeitrag zitiert im ersten Absatz die FAZ, die sich widerum direkt auf Steve Jobs bezieht, das war der Auslöser:
- glaubt nicht an das Web 2.0
- will Google stürzen
- greift die Idee sozialer Netzwerke an
- ist eingefleischter Skeptiker bezüglich Rechnerwolke und Web-2.0-Diensten
Du wirst lachen. Ich glaube das. Soviel also zu Jobs.
Und in der zweiten Debatte verlasse ich schon ziemlich schnell wieder den “Kampf” Apple vs. Google. Da heißt es: “In der Debatte um das iPad steckt eigentlich eine andere, eine viel größere Debatte: Nämlich die, wie wir mit der zunehmenden Komplexität der Welt umgehen.”
Und in dieser Frage erkenne ich – ganz unabhängig von Apple oder Google – zwei grundsätzliche Möglichkeiten. Entweder ich schränke das Informationsangebot ein (siehe Schirrmacher) oder ich erweitere meine Kapizitäten, und lerne mit der Komplexität umzugehen.
Und jetzt frage ich Dich: Sind “Freiheit und Kontrolle” tatsächlich die gleichen Konzepte, oder stehen sie nicht diametral gegeneinander?
Und willst Du mir tatsächlich widersprechen, dass Apple und Jobs “Kontrollfanatiker” sind? Apple und Jobs lassen definitiv NICHTS zu, was irgendwie ihrem System wiederspricht: Unpassende Apps, unpassende Komponenten, unpassende Hardware, unpassende Technologien (wie aktuell Flash), unpassende Meinungen. Apple versucht, alles in ihrer Macht stehende zu kontrollieren.
Wie schon an anderer Stelle vielfach gesagt, ist GENAU DAS das Geheimins von Apple, der Grund für die Einfachheit. Es ist GUT, dass Apple das so macht. Wenn sie es nicht täten, wäre Apple nicht das, was es ist.
Und Google setzt auf “die Cloud” und auf Open Source. Jeder kann Android nutzen, jeder kann Apps in dden Appstore einstellen. Jeder kann die Software frei nutzen. Das Android kann man tweaken bis zum geht nicht mehr.
Google sagt: Wir entwickeln, macht mit und bedient Euch und macht, was Ihr wollt.
Apple sagt: Wir wissen was gut für Euch ist, was anderes bekommt Ihr nicht.
Das ist alles nicht gut oder schlecht. Das sind einfach Strategien, wie Menschen mit der zunehmenden Komplexität umgehen. Der eine fühlt sich von der zusätzlichen Menge überfordert, für den ist Apple die perfekte Lösung. Der andere will selber entscheiden. Für den steht für mich heute Google.
Und es bleibt wirklich die Frage (Du bist doch ein Jobs-Kenner): Ist Jobs tatsächlich ein “Web-2.0-Feind?, wie die FAZU sagt?
P.S. Dass man auf dem iPad auch Facebook- oder Twitter-Apps installieren kann, ist für mich noch kein Beleg für das Gegenteil. Das wäre ja der Gipfel, wenn das Jobs beschränken würde.
Kommentar von Mirko Lange — 6. Februar 2010 um 13:21