Storyblogger - Weblog für Public Relations

Twitter-Tool-Denke am Ende – erst Inhalt, dann Kanal

von Björn Eichstädt

Twittertwittertwitter. Kaum ein Thema ist in den letzten Wochen so häufig in PR-Agenturen und zwischen “Medienprofis” diskutiert worden, wie unser aller liebster Microblogging-Dienst. Ja, ich bin auch begeistert von Twitter, microblogge inzwischen sogar über zwei Accounts. Aber: Ich sehe auch die Gefahr, die gerade in der Kommunikationsbranche entsteht: man fängt an sich auf Tools zu konzentrieren. Und die Inhalte geraten dabei allzu gerne in Vergessenheit.

Bevor jetzt gleich der Proteststurm losgeht, möchte ich meine Haltung kurz ein wenig genauer erläutern: Ein Grund für die Tool-Denke liegt aus meiner Sicht darin, dass wir hierzulande allzu zaudernd mit neuen Möglichkeiten umgehen. Jede neue Technologie oder Kommunikationsform – seien es jetzt Blogs, Xing oder Twitter - wird allzu lange kritisch beäugt, anstatt sie einfach nach Erreichen einer kritischen Größe freudig anzunehmen. Das führt dazu, dass sehr lange über das Instrument diskutiert wird und irgendwann in Vergessenheit gerät, dass dieses doch vor allem dazu da ist, unsere Inhalte zu transportieren. Die Folge: Es geht um “Twitter”. Nicht um die Inhalte, die ich über dieses Instrument nach außen gebe. Es geht um “Follower-Zahlen”, nicht um die Substanz der Kontakte, die ich über Twitter pflegen kann. Wir reden über Twitter-Monitoring, über Multi-Account-Management, über das Managen von vielen hundert Nachrichten pro Stunde. Aber wir reden kaum über die Inhalte, die wir ins System geben. Deshalb entsteht außen der Eindruck, dass über Twitter entweder nur Unsinn vermittelt oder aber alter Wein in neue Schläuche gegossen wird.

Und nun? Aus meiner Sicht sollten die PR-Profis schauen, dass wir die ersten Schritte in Twitter möglichst schnell hinter uns lassen. Wir sollten uns nicht mit weiteren hundert Zusatz-Tools befassen, die uns das Management unserer Twitter-Aktivitäten vermeintlich erleichtern, sondern wir sollten zusehen, dass wir uns als Kommunikations-Experten wieder um das kümmern, was wir eigentlich tun sollten: Die Geschichten und Themen unserer Kunden nach außen vermitteln. Dabei muss Twitter künftig eine wichtige Rolle spielen. Aber: Der Inhalt ist immer noch wichtiger als der Vermittlungsweg.

Auf der Flucht – die digitale Avantgarde

von Björn Eichstädt

Ein paar lose Gedanken:

Was macht sie eigentlich aus, die digitale Avantgarde, die manch einer auch mal als “Digital Natives” bezeichnet? Oder noch einen Schritt weiter zurück: Ist die digitale Avantgarde überhaupt gleichzusetzen mit dem Digital Native?

Vermutlich eher nicht, denn der Native zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass ihm die Digitalität eben ins Babybettchen gelegt wurde, während die digitale Avantgarde das ist, was Avantgarde schon immer war: Eine suchende und erkundende Vorhut. Aus Sicht der PR, die diese Zielgruppen erreichen möchte, bedeutet das also: bei der digitalen Avantgarde und den digital Natives haben wir es vermutlich mit zwei ganz unterschiedlichen Typen von Menschen / Zielgruppen zu tun.

Eine Beobachtung zur digitalen Avantgarde: diese befindet sich permanent auf der Flucht vor dem Mainstream – es handelt sich um Early Adopters, die vor Jahren bereits über Blogs ihre kleinen Gemeinschaften gepflegt haben, die schon lange bei Twitter sind, aber inzwischen nicht mehr bloggen – oder nur noch sehr sporadisch, und die sich bereits jetzt darüber beschweren, dass Twitter zu mainstreamig wird. Das bedeutet: Die digitale Avantgarde setzt bereits zum Sprung an, um Twitter zu verlassen. Wohin, das ist derzeit noch die Frage. Am häufigsten hört man: Offline. So recht mag ich das noch nicht glauben, aber es ist sicherlich eine Option. Wichtig vor allem: Die permanenten Avantgardisten sind ständig in der Bewegung – weg von der Masse, hin in die Zukunft. Niemals in den Mainstream. Und: Diese Avantgarde ist klein.

Viele der Digital Natives hingegen haben Twitter und ähnliche Tools als weiteren Kanal für sich entdeckt, bauen allerdings ihre ersten Blogansätze weiterhin aus – hin in Richtung Mainstream, hin zum Erfolg bei der Masse: Sie stellen die Stars der Szene, sie treten in Talkshows auf, sie werden genauso Teil des Establishments werden wie die, deren etablierte Arbeit sie in der Vergangenheit hinterfragt haben – und sie werden in ein paar Jahren fassungslos auf das blicken, was die Avantgarde veranstaltet. Das ist der Lauf der Welt.

Was genau bedeutet das für Menschen, die Kommunikationsarbeit betreiben: Sie müssen sich genau anschauen, mit wem sie es innerhalb des digitalen Kosmos zu tun haben. Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass Blogger gleich Blogger und Twitterer gleich Twitterer sind. Schon vor Jahren fiel es manchem schwer zu differenzieren zwischen Weblogbetreibern, die gerne durch die PR angesprochen wurden und solchen, die sich schwer in ihrer digitalen Oase belästigt fühlten, von all den “Werbebotschaften”, die auf einmal auf sie einprasselten. Doch gerade diese beiden Gruppen zeigen in der Rückschau schön die Grenzlinie zwischen der digitalen Avantgarde und denen, die schlicht nach der Etablierug in den Grenzen der digitalen Welt suchen.

Das sind nur Gedankenfetzen. Aber vielleicht hat jemand etwas hinzuzufügen?

Update 21.4.2009: Oprah Winfrey bei Twitter und die heute verkündete BILD/Facebook-Kooperation befeuern das Thema. Kommt es jetzt wirklich schon zum Exodus der digitalen Avantgarde? Zumindest zeigen sich zwei Entwicklungen, die ich oben beschrieben habe, jetzt schon deutlicher: Die einen gehen in die Fluchtposition über, während die anderen ob der startenden Etablierung keine Zeit mehr zum Twittern haben. That’s life – und hoffentlich auch Grund, hier noch ein wenig weiter zu diskutieren. Freue mich über Meinungen. Und nur so am Rande: Leute wie Oprah erreichen Menschen, von der die deutsche Digital-Avantgarde nur träumen kann.

Whatever Happened to “Multimedia”?

von Björn Eichstädt

Gegenwärtig stellen wir uns unter Multimedia vor allem YouTube-Videos vor. Der Begriff ist inzwischen derart eng mit Bewegtbildern oder Flash-Animationen verknüpft, dass es schwer fällt, sich von dieser Definition freizumachen. Dabei stand “Multimedia” in den 60er Jahren, in denen der Begriff geprägt wurde, für etwas ganz anderes: Das Zusammenbringen von bildender Kunst, von Musik, Performance, Kino, Tanz und vielem mehr. Die Protagonisten der Counterculture dieser Zeit – John Cage, Andy Warhol, Merce Cunningham und viele andere – bemühten sich darum, die überholten Grenzen der Trennung in Kunstbereiche und Genres aufzubrechen, eine Einheit im Ausdruck zu erzeugen. Auch die frühen Revolutionäre der Computerbewegung und begründer der Cyber-Kultur waren bereits mit an Bord.

Heute steht Multimedia leider sehr viel eingeschränkter für “Bild und Ton” und vielleicht noch “Animation”. Die Vielfalt des Begriffs ist verschwunden, der Ansatz in den Rechner verbannt worden. Eigentlich schade, denn die Happenings der Avantgarde der 60er und 70er Jahre hatten sicherlich einen großen Unterhaltungswert und rissen Gedanken auf. Aus den Ansätzen der Vorreiter ist die technologische Revolution der vergangenen Jahre hervorgegangen. Nur: Die meisten von uns wissen von den Wurzeln, dem Kern der Entwicklung viel zu wenig.

Ein Weg das zu ändern ist: “Suchen”. Und das war sicherlich ein Motiv für Nadia Zaboura und mich, auf der CeBIT den relativ frei gesetzten Rahmen einer Lesung auf dem Webciety-Stand zu nutzen und einfach einmal loszulegen. Mit einer eigenen Interpretation des Mash-Up-Gedankens, der Lesung und der Nutzung eines iPhones. Das offizielle Video der Webciety dazu gibt es hier auf der zaplive.tv-Seite.

Und einen Bootleg via YouTube:

Lass andere sprechen

von Katrin Renner

Was hat „Des Kaisers neue Kleider“ mit der amerikanischen Süßigkeitenmarke „Skittles“ zu tun? Ebenso wie der Kaiser läuft Skittles praktisch nackt durchs Internet. Und die Drops-Vermarkter verlassen sich darauf, dass die Bewunderer anerkennend raunen. Die Marke hat keinen eigenen Webauftritt, sondern nur ein kleines Schaltpult, über das man auf Skittles Facebook-Profil, Wikipedia, Skittles Youtube-Kanal und eine Twitter-Suchergebnisliste kommt. Wow! Ich bin echt beeindruckt.
Das sind Vernetzung, Aktualität, Transparenz und Authentizität in Reinkultur.
Die Zukunft hat begonnen.

Aufmerksam geworden via connectedmarketing.de
Nachtrag: Heute berichtet auch der Spiegel über die Kampagne.