Alle Artikel im Storyblogger

(K)eine Revolution im Netz

Sonntag, 10.30h: Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ hat schon wieder einen ganzseitigen Artikel über Blogs im Blatt. Letzten Sonntag ging es um die Blogs als Protestplattform der iranischen Jugendlichen. Heute berichtet Stefan Niggemeier über „Das Publikum an der Macht“ und prophezeit das Ende für professionelle Zeitungsmacher. In Zukunft werde jeder Programmdirektor und Chefredakteur sein und das begeisterte Millionenpublikum im Internet kann die Beiträge on demand herunterladen. Ade, ARD und ZDF, Deutschlandfunk und SWR3, ade auch, ihr Absolventen von Medienstudiengängen. Die Zukunft hat schon begonnen, es ist nicht Eure, Pech gehabt. Meine Einwände:

1. Die Mehrzahl der Blogger sind die 12- bis 17-jährigen. Klar, die haben Zeit.

2. Leserbrief-Spalten in Zeitungen sind vor-revolutionär, gaben aber auch schon jedem Leser die Möglichkeit zu kommentieren. Es ist (basis)-demokratisch und liefert manchen Hinweis für Missstände, oft aber auch recht langweilig und anödend.

3. Blogs sind nichts wirklich neues, nur die Lesermitwirkung unter neuen technischen Vorzeichen.

4. Das Professionelle ist unschlagbar und die Talente sind was für Freunde und Talentsucher. Es gibt Millionen selbsternannter Gourmetköche, die ihre Gäste mit kreativen Kochkünsten öfter terrorisieren als begeistern. Die Freunde machen gute Miene zum Spiel. Aber der Genuss in einem guten Restaurant, wo ich mich entspannt bedienen lassen kann, ist was anderes.

5. Hinz und Kunz soll die Möglichkeit haben, sich zu äußern und in Diskussionen einzuschalten. Aber: Muss mich das interessieren? Und vor allem: Hab ich dafür Zeit?

Jeff Jarvis, amerikanischer Journalist, der angeblich auch noch an einem Buch schreibt, ist einer der aktivsten US-Blogger. www.buzzmachine.com schreibt: „Wer nicht Teil der Konversation ist, wird nicht gehört werden.“ Aha, schon wieder ein Missionär, der der Welt erklärt, was Sache ist. Davon haben wir doch eigentlich schon genug, oder?

Mehr lesen:

9 Replies

  1. Kehren gut, die neuen Besen. Nur mal btw.

    Es ist usus, Neues oder vermeintlich Neues an bisherigem zu messen, zu vergleichen, zu reiben.
    Irgendwann hat man gesagt, dass Telefon habe keine Chance, die Eisenbahn, Luftfahrzeuge, Automobile. Ein Argument, das gerne auch für Blogs als Rechtfertigung der Wahrsagerei in rosa Farbtönen Verwendung findet.
    Inzwischen ist es eben gewissermaßen ‚in‘, für und von allem eine gewisse Revolutionierung des Alltagsverhaltens zu fordern und zu antizipieren.
    Das Web ist so Standard geworden, dass es spannender ist, jegliche Neuentwicklung als „das-wird-alles-was-wir-heute-kennen-und-machen-in-de-Schatten-stellen“ darzustellen. Und wir machen manchmal eifrig mit.
    Vielleicht wird sich alles oder viel oder ein wenig verändern. Vielleicht.
    Nur das ‚Vielleicht‘ macht noch keine Headline.
    Also machen wir aus dem ‚Vielleicht‘ ein ‚Ganz bestimmt!‘ und schon gibt es eine neue Diskussion.
    Wir hypen gerne.

  2. Trotz allem bin ich hier mit Heidi nicht einer Meinung – denn es stimmt aus meiner Sicht die Kernaussage, dass es eine Lücke geben wird. Zwischen denen, die dabei sind, die Online sind, die Blogger sind etc. und denen, die vielleicht noch nicht mal einen Netzzugang haben. Natürlich werde ich von heute auf morgen nicht tot umfallen, weil ich keine Blogs lese – aber ich werde was verpassen, seien es Infos, Chancen, Kontakte. Dass man auch ohne leben kann ist klar.

  3. Björn, was ist neu an dieser Lücke? Gibt es diese nicht zwischen allen Nutzern ‚moderner‘ Technologie und denen, die aus jedweden Gründen nicht daran partizipieren können/dürfen/wollen?
    Verpasst der – verzeih meine sicherlich durch Halbwissen geprägte Anschauung – ostanatolische Bergbauer, der mit dem Muli Brennholz transportiert jegliche Entwicklung von der simplen Familienkutsche zum Brennstoffzellenkraftfahrzeug? Sicherlich.
    Verpasst er dadurch Infos, Chancen, Kontakte? Bestimmt auch das.
    Das Beispiel glänzt nicht gerade vor Beispielcharakter, aber ich denke, das, was bspw. für die Einführung der Mobiltelefone in der breiten Masse galt und gilt – „Wie kannst Du noch ohne leben!?“ vs. „Dafür brauchte ich bis dato auch nie ein Mobildingens!“ -, gilt auch hier und heute bei Web und Blogs. Es geht auch ohne, da stimme ich Dir zu. Man verpasst etwas, das weiß ich nicht.

  4. Natürlich ist an einer prinzipiellen Lücke zwischen Menschen GAR NICHTS neu. Die gab es schon immer. Klar, die einen haben Arno Schmidt gelesen, die anderen nicht, die einen wissen wer Morton Subotnick ist, die anderen nicht. Der eine kann daraus Schlüße ziehen, der nächste nicht. JAJA. Aber: Es geht hier um was anderes als um eine Kutsche und ein KFZ. Weil: Hier ändern sich Richtungen. Hier wird ein Mensch, der bislang ein Rezipient war zu einem Produzenten. Da kippt eine Meinungshoheit. Und Menschen werden von passiven Persönlichkeiten zu aktiven. Zumindest im erträumten Idealfall. Und dass das eine Entwicklung ist, die Lücken fabriziert, zeigen nicht zuletzt die Herren Klum und von Matt ganz explizit.

  5. Gut, da gehe ich mit. Rezeption wird zu Partizipation. Im Sinne der ersten selbstgeschriebenen Schülerzeitung, dem ersten Stadt-Schüler-Parlament und dem Weg in die Regionalpolitik (mit Möglichkeiten, bewusst das Radwegenetz mitzugestalten!) nichts Neues. Du merkst, ich reiße mich daran hoch… 😉
    Vielleicht ist es im Web dann doch so wie im Stadtparlament. Jeder kann da seine Meinung kundtun, aber vielleicht sind es doch nur die bis dato Aktiven, die sich dort einbringen, auch wenn im Web die Schwelle niedriger liegt. Hier kann selbst Hinz & Kunz veröffentlichen! Teilhaben, teilnehmen! Ob sie mehr Beachtung finden, hängt doch wieder an den Parametern, die auch extraweb gelten: „können sie etwas“? Haben sie die Leserschaft?

  6. Es wird wie überall sein: Die Einen werden gelesen und beachtet, die Millionen können sich die Finger wund schreiben und keiner nimmt Notiz davon. Ich sage nicht, dass Blogs keine Zukunft haben, aber ich sehe darin nur ein technisch neues Format, das den Vorteil hat, dass es einfacher zu bedienen ist.

  7. Stefan Niggemeier über die Digitale Revolution

    Selten in der Blogospähre so etwas Gutes gelesen wie heute von Stefan Niggemeier. Kein Wunder es war ja auch auch ein journalistischer Text (für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) und kein Blogeintrag. Aber die Wichtigkeit genau dieses Unters…

  8. […] Fabian Mohr: Böse, böse neue Welt Heiko Hebig: Actionable content Popkulturjunkie: revolution. Medienrauschen: Herrn Niggemeiers Wort zum Sonntag Franziskript: Lesenlesenlesen! Johnny Haeusler: Die digitale FAS-Revolution Siegfried Hirsch: Digitale (Kultur) Revolution in der FAS Sebas: Der Revolution fehlen die Kinder Mario Sixtus: Die ignorierte Revolution Peter Giesecke: Stefan Niggemeier über die digitale Revolution Thomas Wanhoff: Ausge-Chefredakteurt – Neuer Journalismus Heidrun Haug: (K)eine Revolution im Netz […]

Kommentar verfassen